Viel wurde in den letzten Tagen über Dr. Erwin Pröll geschrieben und gesagt.
Da war von unglaublichen 25 Jahren als Landeshauptmann die Rede. Er und sein niederösterreichischer Zweig der VP Partei sorgten alleine bei den vergangenen Nationalratswahlen für 310.345 Stimmen. Auch oder gerade deshalb lenkt und beeinflusst er seit je her die Geschicke seiner Bundespartei und ist vor Pühringer der mächtigste Landespolitiker, wenn es um die Neu- bzw. Abwahl von Parteivorsitzenden geht. Dreimal fuhr er bei Landtagswahlen die absolute Mehrheit für seine VP ein. Ein Machtmensch, durch und durch.

Aber was heißt das?

Machtmenschen haben alles unter Kontrolle. Sie bestimmen was läuft und vor allem, wer läuft. Sie verteidigen die eigene Position mit allen Mitteln, haben Günstlinge und übervorteilen ihre Konkurrenz. Sie sind Meister_innen der Strategie und mit taktischem Feingefühl ausgestattet. Das hat man oder eben auch nicht.

Meeting Erwin Pröll

In seinem Vierteljahrhundert als Landeshäuptling gelang es Dr. Pröll nur ein einziges Mal, mich zu treffen. Es war im Rahmen der Eröffnung einer Sonderausstellung. Es muss das 22. Jahr seiner Amtszeit gewesen sein. Als er den Raum betrat, scharten sich die Menschen um ihn wie Motten ums Licht. Alle bedacht, einen artigen Diener abzuliefern. Ich stellte ebenfalls Augenkontakt her, starrte dann aber vollkommen regungslos durch ihn durch. Ich fühlte, er war irritiert. Das passte nicht ins Schema; das war er nicht gewöhnt. Ich war ein Fehler in der Matrix.

Wenn ich heute über diese Begegnung nachdenke, kommt mir ein Buch in den Sinn, das ich einmal gelesen habe: „Gorillas in the Mist“ von Dian Fossey nämlich. Erwin heißt dort Digit und ist als Silberrücken das mächtigste Männchen seiner Gorilla-Gruppe im ostafrikanischen Bergtal. Digit duldet, weil er seinem genetisch vorgegebenen Programm folgt, keinen Konkurrenten. Die subalternen Mitglieder der Gruppe meiden den direkten Blickkontakt und wenden ihren Kopf ab, sobald das Alphatier sie ansieht (sie machen also eine Art Gorilla-Diener). Keiner isst, bevor er nicht zu essen begonnen hat (er verwaltet die Ressourcen). Er entscheidet, wem welcher Rang innerhalb der Gruppe zukommt, durch den Grad der Aufmerksamkeit, den er den einzelnen Gruppenmitgliedern zukommen lässt (er teilt Funktionen zu). Widersacher und Emporkömmlinge, die seine Autorität untergraben, werden mit der nötigen Härte zurechtgewiesen und bei wiederholten Fehltritten kurzerhand vertrieben (er wertet Dissenting Opinions als mangelnden Respekt, nimmt das also also persönlich und ist in keiner Weise kritikfähig). All das aber erst ab dem Tag, ab dem er die Position des Silberrückens innehat. Bis dahin hat er sich benommen wie alle anderen.

Was diese Parallele soll? Nun, sie bringt mich zu einer einfachen Schlussfolgerung: Wer keine Kompromisse braucht, um seine Vorstellungen durchzusetzen, verliert die Bodenhaftung.

Lege ich Fosseys Beschreibungen über meine Wahrnehmungen im unmittelbaren Umfeld und meine Erfahrungen in der politischen Welt, dann liegt das Fazit nahe, dass wir eigentlich gar nicht anders können, als uns wie Digit oder eben Erwin zu verhalten, wenn wir mit den erforderlichen Voraussetzungen dafür ausgestattet werden. Jedenfalls ist es schwer, der Versuchung zu widerstehen, wenn wir unsere Position behalten möchten. Was in der Tierwelt Alter und Stärke sind, ist in der Politik die absolute Mehrheit (vom Wahlvolk verliehen).

Ist die Fähigkeit zu führen also grundsätzlich etwas Schlechtes?

Nein. Aber mir schwebt eine Art von Führung vor. Eine wie sie Simon Sinek in seinem Buch „Leaders eat last“ beschreibt: eine Führung, bei der die Führungspersönlichkeit eine zentrale Position einnimmt, um von dort den anderen dienen zu können. Der hierarchische Führungsstil ist auch in der Politik längst überholt, denn er sorgt dafür, dass „die da oben“ höchste Reibungsverluste in ihrer Tätigkeit hinnehmen müssen, um sicherzustellen, ihre Position nicht zu verlieren. Darunter leidet das Gemeinwohl.

Willkommen in der Milizpolitik

Für mich bietet das Modell der Milizpolitik eine mögliche Antwort. Denn die Gefahr, in einen hierarchischen Führungs- und Politikstil zu verfallen, erhöht sich durch den Berufspolitikerstatus. Wenn eine Partei die Raten für dein Reihenhaus zahlt, mag es sein, dass deine Motivation sinkt, die Hand, die dich füttert, zu beißen. Das Bestreben, die eigene Position zu halten und zu gegebener Zeit sogar auszubauen, steigt demgegenüber proportional.

Nein, ich gehöre nicht zu jenen, die meinen, jedes politische Amt könne nebenbei betrieben werden. Dem ist gewiss nicht so. Ich bin dennoch der Meinung, dass zu viele als BerufspolitikerInnen ohne Plan B und in Abhängigkeit zum System genau das Bild der Politik zeichnen, das die Öffentlichkeit mittlerweile so abstößt.

Omnia relinquit servare Republicam

Für Milizpolitik, wie ich sie mir vorstelle, gibt es sogar ein historisches Vorbild: Ein gewisser Lucius Quinctius Cincinnatus lebte von 519 v. Chr. bis 430 v. Chr. im Römischen Reich. Obwohl Adeliger und Politiker legte er auf seinen Ländereien gerne selbst Hand an (man könnte sagen, er war ein Bauernbündler mit Autonomie und Plan B). Als die römische Republik zwei Mal (458 und 439 v.Chr.) von feindlichen Stämmen bedroht wurde, zögerte er aber auch nicht, auf Beschluss des Senats das Amt des Diktators anzunehmen. Man legte das Schicksal also in die Hände nur eines Mannes – und ging damit das Risiko ein, dass der potentielle Retter an der Macht festhalten und so das Ende der Republik einläuten könnte. Cincinnatus beschämte die Zweifler aber beide Male, indem er sich, nachdem die Bedrohung abgewendet war, auf eben jene Ländereien zurückzog, die er verlassen hatte, als ihn der Senat mit dem Titel des Alleinherrschers ausgestattet. Für mich ein historisch belegtes Beispiel für gelebte #milizpolitik.

In diesem Sinne, Niederösterreich ist reif!
Sankt Pölten muss kein ostafrikanisches Bergtal bleiben. Sankt Pölten kann auch Cincinnati werden.

Andere Ideen? Her damit!

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